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Überzeugen, bis der Arzt kommt - Wollen tatsächlich alle den digitalen Fortschritt?

Die riesigen Potenziale der digitalen Versorgung können wir nur heben, wenn alle Akteure mitziehen. Eine Achillesferse sind dabei die vielen Tausend einzelnen Ärztinnen und Ärzte. Wir können darüber schimpfen oder sie beim (Kultur-)Wandel unterstützen.

"Wenn Sie möchten, können Sie den Brief für Ihren Hausarzt auch direkt mitnehmen" – ein typischer Satz aus einer deutschen Facharztpraxis und Beleg für die Ärzte als einer Achillesferse der digitalen Infrastruktur. Seit einiger Zeit ist mit Vivy die erste digitale Gesundheitsakte am Start. Viele weitere werden folgen. Ein– nicht repräsentativer – Versuch einiger Kolleginnen und Kollegen, ihre Ärzte dazu zu bewegen, dort Daten bereitzustellen, war vorsichtig gesagt von bescheidenem Erfolg gekrönt. Dabei sind die Macher von Vivy sogar auf die schlaue Idee gekommen, neben dem Upload-Link auch eine Faxnummer für die Befunde anzubieten. Wir schieben Patienten für Tausende von Euro in hochkomplexe MRT-Röhren, um den Befund dann zu faxen.

Es geht nur gemeinsam zusammen

Stand heute haben die gesetzlichen Krankenkassen bereits 565 Millionen Euro Beitragsmittel der Versicherten für die Telematik-Anbindung an die ärztlichen Standesorganisationen überwiesen. Erstmals glimmt ausgelöst von den Bemühungen der Krankenkassen um diverse Digitallösungen ein Funken Hoffnung auf, dass die riesigen Potenziale der Digitalisierung für die Versorgung auch zeitnah genutzt werden. Aber dafür müssen alle im System mitmachen: die Krankenkassen, die Krankenhäuser und die vielen Tausend Ärztinnen und Ärzte und andere Leistungserbringer.

Nicht nur der Service, auch die Behandlungsqualität stiege: Doppeluntersuchungen könnten vermieden werden, der Arzt hätte Zugriff auf eine viel umfangreichere Patientenhistorie, die Wahrscheinlichkeit für Fehler sänke. Aber: Anders als Krankenkassen oder die großen Krankenhäuser hat die Arztpraxis in Köln-Kalk keinen Chef-Digitalisierer.

Wir müssen darüber reden, wie wir alle ins Boot holen. Zwei Dinge sind deshalb wichtig: die einzelne Orthopädin, den Internisten oder den Ergotherapeuten davon zu überzeugen, dass das mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens auch für sie und ihn Vorteile bietet. Und sie dann noch zu ermächtigen, das umzusetzen. Da reicht es nicht, wenn wir mit Milliardenbeträgen die Infrastruktur finanzieren. Digitalisierung ist 30 Prozent Technik, die die Beitragszahler finanzieren, und 70 Prozent Kultur. Und da müssen wir ran.

Amtssprache Digital

Was brauchen wir also, um alle Akteure des Gesundheitssystems für eine digitale Infrastruktur zu begeistern? Zunächst muss der Gesetzgeber bei seinen weiteren E-Health-Aktivitäten für klare Schnittstellen sorgen, damit wir auch alle die gleiche digitale Sprache miteinander sprechen. Inkompatible Insellösungen müssen vermieden werden. Bürokratische Hemmnisse müssen fallen: Etwa wenn Schriftstücke ausgedruckt werden müssen, weil Aufsichten oder Behörden auf ein Originalformular oder eine Unterschrift bestehen. Wir müssen das Honorarsystem ans digitale Zeitalter anpassen. Einerseits erwarten Ärztinnen und Ärzte zu Recht eine Bezahlung für digitale Versorgungsangebote, andererseits müssen die Ärztinnen und Ärzte, die darauf bestehen, dass alles so bleiben soll wie 1979 (Einführung des Fax), dann gegebenenfalls auch finanzielle Einbußen hinnehmen.

Dabei muss man die einzelne Ärztin und den einzelnen Arzt aber auch aufgeschlossen unterstützen. Sie brauchen eine zentrale Stelle, die sie organisatorisch bei der Transformation begleitet und die Vorteile der Digitalisierung offensiv erklärt. Was eine hervorragende Zukunftsaufgabe für die Kassenärztliche Vereinigung wäre. Und etwas ist, was die Patientinnen und Patienten für ihre Beiträge eigentlich auch erwarten dürfen.

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