Autoimmunerkrankungen: Definition und häufigste Formen
Autoimmunerkrankungen betreffen Millionen von Menschen. Aber was ist das eigentlich? Welche Arten gibt es? Und wie werden sie diagnostiziert und behandelt? Hier bekommst du einen Überblick.
Inhaltverzeichnis
- Was ist eine Autoimmunerkrankung?
- Welche gibt es?
- Was ist die schwerste?
- Warum entstehen sie?
- Was sind typische Symptome von Autoimmunerkrankungen?
- Wie werden sie diagnostiziert?
- Wie werden sie behandelt?
- Leben mit einer Autoimmunerkrankung
- Kann man ihnen vorbeugen?
- Fazit: Autoimmunerkrankungen sind gut behandelbar
- Häufige Fragen
- Weitere Informationen und Quellen
Was ist eine Autoimmunerkrankung?
Eine Autoimmunerkrankung liegt vor, wenn das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Statt nur Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien zu bekämpfen, richtet sich die Abwehr fälschlicherweise gegen die eigenen Zellen, Gewebe oder Organe. Das führt zu Entzündungen und kann die Funktion der betroffenen Körperbereiche dauerhaft beeinträchtigen.
Es gibt viele verschiedene Autoimmunerkrankungen. Welche Beschwerden entstehen, hängt davon ab, welches Organ oder Gewebe betroffen ist.
Welche Autoimmunerkrankungen gibt es?
Es gibt derzeit über 80 bekannte Erkrankungen, die zu dieser Kategorie zählen. Laut dem IMD Institut für Medizinische Diagnostik Berlin-Potsdam sind sie damit, nach Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen, die dritthäufigste Erkrankungsgruppe. Ungefähr fünf bis acht Prozent der Bevölkerung sind betroffen.
Manche Autoimmunerkrankungen sind weit verbreitet, andere sehr selten. Zu den häufigsten Formen gehören:
| Erkrankung | Betroffenes Organ/System | Typische Symptome | Häufigkeit (ca.) |
|---|---|---|---|
| Hashimoto-Thyreoiditis | Schilddrüse | Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit | häufig |
| Morbus Basedow | Schilddrüse | Gewichtsverlust, Herzklopfen, Nervosität | häufig |
| Rheumatoide Arthritis (RA) | Gelenke | Schmerzen, Morgensteifigkeit | häufig |
| Typ-1-Diabetes | Bauchspeicheldrüse | Durst, Gewichtsverlust, hoher Blutzucker | mittel |
| Multiple Sklerose (MS) | Zentrales Nervensystem | Sehstörungen, Taubheit, Lähmungen | mittel |
| SLE (Systemischer Lupus erythematodes) | mehrere Organe | Hautausschläge, Gelenkschmerzen, Organbeteiligung | selten |
Übersicht: Häufige Formen im Vergleich
Was ist die schwerste Autoimmunerkrankung?
Diese Frage wird häufig gestellt, eine eindeutige Antwort gibt es aber nicht. Denn wie schwer eine Autoimmunerkrankung ist, hängt von mehreren Faktoren ab:
- Welche Organe betroffen sind
- Wie früh die Erkrankung erkannt wird
- Wie gut sie behandelbar ist
- Wie stark sie den Alltag der betroffenen Person einschränkt
Eine Autoimmunerkrankung wie SLE, MS und schwere Formen der RA sind besonders belastend. Das liegt daran, dass sie mehrere Organsysteme angreifen und die Betroffenen teils starke Symptome haben.
Warum entstehen Autoimmunerkrankungen?
Warum sie entstehen, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es müssen aber mehrere Dinge zusammenkommen, damit es zu einer solchen Fehlfunktion des Körpers kommen kann:
Genetische Veranlagung
Manche Menschen haben Gene, die das Immunsystem grundsätzlich anfälliger machen. Vererbt wird dabei nicht die Krankheit selbst, sondern eine gewisse Veranlagung dazu.
Hormonelle Einflüsse
Auch hormonelle Veränderungen können ein Grund sein. Eine Studie im Fachmagazin Frontiers in Neuroendocrinology zeigt, dass dies einer der Gründe ist, warum Frauen häufiger von der Erkrankung betroffen sind. Die Hormonellen Schwankungen und Veränderungen im Weiblichen Körper machen ihn anfälliger für Autoimmunerkrankungen.
Infektionen und Umweltfaktoren
Manchmal gerät das Immunsystem durch äußere Einflüsse durcheinander. Dazu zählen zum Beispiel Viren, Bakterien, Schadstoffe, bestimmte Medikamente oder auch starke Sonneneinstrahlung.
Ein Virus kann Körperzellen so verändern, dass das Immunsystem sie plötzlich für fremd hält und angreift. In seltenen Fällen gelangen auch körpereigene Stoffe an Stellen im Körper, wo sie sonst nicht vorkommen. Das kann das Immunsystem ebenfalls irritieren und eine Fehlreaktion auslösen.
Fehlfunktion der Abwehrzellen
Auch die Zellen, die Antikörper herstellen (sogenannte B-Zellen), oder die Abwehrzellen, die Angriffe steuern (T-Zellen), können fehlerhaft arbeiten und gesunde Zellen attackieren.
Verwechslung von Strukturen
Manche Krankheitserreger sind ähnlich aufgebaut wie körpereigene Zellen. Für das Immunsystem sehen sie dadurch ähnlich aus, und das Immunsystem greift aus Versehen beides an.
Stress und dauerhafte Belastung
Eine Studie im Fachjournal Autoimmunity Reviews zeigt: Auch wenn er nicht der Auslöser für Autoimmunerkrankungen ist, kann Stress das Immunsystem belasten und aus dem Gleichgewicht bringen. Das wiederum verstärkt andere Risiken, die bereits bestehen.
Erfahre hier mehr über Stress, Stressbewältigung und die besten Entspannungstechniken bei Stress.
Was sind typische Symptome von Autoimmunerkrankungen?
Autoimmunerkrankungen äußern sich je nach betroffener Körperregion sehr unterschiedlich. Häufige Anzeichen sind Schmerzen, Schwellungen, Entzündungen und anhaltende Müdigkeit (Fatigue).
Welche Beschwerden auftreten, hängt stark von der jeweiligen Erkrankung ab. So können beispielsweise Gelbsucht bei einer Autoimmunhepatitis, Atemprobleme bei einer Lungenbeteiligung oder Wassereinlagerungen bei einer Nierenschädigung vorkommen.
Einige dieser chronischen Erkrankungen können bei schwerem Verlauf oder unbehandelt zu ernsthaften Komplikationen führen.
Gerade am Anfang sind die Anzeichen jedoch oft unspezifisch. Denn Müdigkeit, Schmerzen oder Konzentrationsprobleme können viele Ursachen haben. Deshalb dauert es häufig einige Zeit, bis klar ist, was hinter den Beschwerden steckt und eine sichere Diagnose gestellt werden kann.
Wie werden Autoimmunerkrankungen diagnostiziert?
Die Diagnose einer Autoimmunerkrankung erfordert meist mehrere Schritte. Neben dem Gespräch über Beschwerden und einer körperlichen Untersuchung spielen Bluttests eine wichtige Rolle.
Dabei wird unter anderem geprüft, ob es Hinweise auf eine Entzündung im Körper gibt. Zusätzlich suchen Ärztinnen und Ärzte häufig nach bestimmten Autoantikörpern, die bei einigen Autoimmunerkrankungen typisch sind.
Da einzelne Laborwerte allein keine sichere Diagnose ermöglichen, wird immer das Gesamtbild aus Symptomen, Untersuchungsergebnissen und Laborbefunden bewertet. In manchen Fällen kommen auch bildgebende Verfahren oder Gewebeproben (Biopsien) zum Einsatz.
Erst wenn die Diagnose gesichert ist, kann eine individuell abgestimmte Therapie beginnen.
Wie werden Autoimmunerkrankungen behandelt?
Sie lassen sich meist nicht komplett heilen, aber gut behandeln. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt immer von der jeweiligen Erkrankung, dem Verlauf und den Beschwerden ab.
Ziel der Therapie ist es, das fehlgeleitete Immunsystem zu bremsen, Entzündungen zu lindern und Beschwerden unter Kontrolle zu halten. Dies ist wichtig, denn eine unbehandelte Autoimmunerkrankung kann zu schweren Schäden an den betroffenen Organen führen.
Typische Behandlungsansätze sind:
- Immunsuppressiva (Medikamente, die das Immunsystem dämpfen): Diese Medikamente senken die Aktivität des Immunsystems, damit es den eigenen Körper nicht weiter angreift. Sie können helfen, Entzündungen zu reduzieren und Schübe zu verhindern, erhöhen aber auch die Anfälligkeit für Infektionen.
- Kortisonpräparate: Kortison wirkt schnell und stark entzündungshemmend. Es wird häufig eingesetzt, wenn die Beschwerden plötzlich stärker werden. Wegen möglicher Nebenwirkungen wird Kortison meist nur zeitlich begrenzt oder in möglichst niedriger Dosierung verwendet.
- Gezielte Therapien (Biologika): Diese moderneren Medikamente greifen sehr gezielt in bestimmte Prozesse des Immunsystems ein, zum Beispiel indem sie einzelne Entzündungsbotenstoffe oder bestimmte Abwehrzellen blockieren. Sie kommen vor allem bei schweren oder speziellen Autoimmunerkrankungen zum Einsatz.
- Plasmaaustausch (Plasmapherese): In besonderen Fällen werden schädliche Antikörper direkt aus dem Blut entfernt. Dabei wird das Blut gefiltert und anschließend wieder in den Körper zurückgeführt. Dieses Verfahren wird meist nur bei schweren Verläufen angewendet.
- Immunglobulin-Therapie: Hierbei werden Antikörper aus Spenderblut verabreicht. Sie können das Immunsystem regulieren und überschießende Reaktionen abschwächen. Diese Behandlung kommt ebenfalls nur bei bestimmten Erkrankungen infrage.
- Behandlung der Symptome: Zusätzlich zur medikamentösen Therapie spielt oft auch die Behandlung der Symptome eine wichtige Rolle, zum Beispiel durch Schmerztherapie, Physiotherapie oder andere unterstützende Maßnahmen im Alltag.
Leben mit einer Autoimmunerkrankung
Aber was bedeutet das nun für die Praxis – also wenn Menschen mit einer Autoimmunerkrankung leben müssen?
Auch hier kommt es darauf an: Manche Autoimmunerkrankungen treten ganz plötzlich auf und verlaufen nur in Schüben.
In den meisten Fällen begleiten sie Betroffene jedoch dauerhaft. Das bedeutet oft, dass sie regelmäßig Medikamente nehmen oder andere Behandlungen durchmachen müssen.
Viele Betroffene gewöhnen sich jedoch daran und leben glücklich. Moderne Therapien helfen dabei, Schübe seltener zu machen, Symptome zu lindern und den Körper zu entlasten. Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser lässt sich der Verlauf beeinflussen.
Kann man Autoimmunerkrankungen vorbeugen?
Eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht gezielt verhindern. Du kannst aber viel dafür tun, dein Immunsystem zu stärken und insgesamt stabil zu halten. Ein gesunder Lebensstil mit gesunder Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßigen Pausen hilft dem Körper, besser mit Belastungen umzugehen.
Eine Studie im Journal of Sport and Health Science zeigt, dass auch regelmäßige Bewegung bei der Prävention hilfreich sein kann. Am wichtigsten ist jedoch, dass du frühzeitig ärztliche Beratung einholst, wenn du Beschwerden hast, die länger anhalten oder immer wieder auftreten.
Fazit: Autoimmunerkrankungen sind in der Regel gut behandelbar
Autoimmunerkrankungen sind komplex, aber keine Seltenheit. Wer versteht, was dahintersteckt, erkennt Symptome früher und kann gezielter handeln. Auch wenn sie meist chronisch sind, heißt das nicht, dass dein Leben dauerhaft eingeschränkt sein muss. Moderne Therapien ermöglichen heute ein gutes Leben trotz Erkrankung.
Häufige Fragen zu Autoimmunerkrankungen
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Können Autoimmunerkrankungen plötzlich auftreten?
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Ja, das ist möglich. Manche Autoimmunerkrankungen entwickeln sich schleichend, andere machen sich plötzlich bemerkbar, zum Beispiel nach einer Infektion. Dabei ist die Infektion jedoch nur der Trigger und nicht die Ursache für die Erkrankung. Oft lassen sich erste Symptome erst im Nachhinein einordnen.
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Sind Autoimmunerkrankungen ansteckend?
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Nein. Sie sind keine Infektionen und können nicht übertragen werden. Auch wenn Infektionen manchmal ein Trigger sein können.
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Was sollte ich tun, wenn ich den Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung habe?
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Wenn du Beschwerden hast, die über längere Zeit bestehen oder immer wieder auftreten, solltest du sie immer ärztlich abklären zu lassen, egal ob du eine Autoimmunerkrankung vermutest oder nicht. Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, den Verlauf positiv zu beeinflussen und passende Behandlungsoptionen zu finden.
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Sind Autoimmunerkrankungen heilbar?
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In der Regel nicht. Viele sind aber gut behandelbar, sodass Betroffene lange Phasen mit wenig Beschwerden haben können.
Weitere Informationen und Quellen
- MSD Manual – Ausgabe für Patienten: Autoimmunerkrankungen
- Stress as a trigger of autoimmune disease. Stojanovich L, Marisavljevich D. Autoimmun Rev. 2008 Jan;7(3):209-13. doi: 10.1016/j.autrev.2007.11.007. Epub 2007 Nov 29. PMID: 18190880.
- Gender differences in autoimmune disease. Ngo ST, Steyn FJ, McCombe PA. Front Neuroendocrinol. 2014 Aug;35(3):347-69. doi: 10.1016/j.yfrne.2014.04.004. Epub 2014 May 2. PMID: 24793874.
- The anti-inflammatory effects of exercise on autoimmune diseases: A 20-year systematic review. Luo B, Xiang D, Ji X, Chen X, Li R, Zhang S, Meng Y, Nieman DC, Chen P.. J Sport Health Sci. 2024 May;13(3):353-367. doi: 10.1016/j.jshs.2024.02.002. Epub 2024 Feb 9. PMID: 38341137; PMCID: PMC11117003.