Mann, bin ich wütend - Woher dieses Gefühl kommt und was wir dagegen tun können

Wut hat einen schlechten Ruf – zu Unrecht, sagen Experten. Was das Gefühl uns bringt, wie wir mit unserer Wut produktiv umgehen und warum wir uns nicht dafür schämen sollten.

"Good Vibes Only", titelt so mancher Influencer auf Instagram. Negative Gefühle werden in unserer Gesellschaft meist als etwas gesehen, das wir unterdrücken, therapieren oder zumindest für uns behalten sollten. Allen voran die Wut. Ein Wutbürger ist jemand, der ohne Sinn und Verstand Staub aufwirbelt und destruktive politische Strömungen unterstützt. Jemand, der rumbrüllt, hat sich nicht im Griff – was die meisten beschämend und zudem unzeitgemäß finden. So war es jedoch nicht immer. Ausbrüche so mancher Choleriker sind bis heute legendär. Wut galt auch, zumindest in männlichen Domänen, als Zeichen von Leidenschaft und Arbeitseifer. Bereits Aristoteles betonte, dass Zorn in manchen Fällen berechtigt sein kann. Wütend sein dürfen ist vor allem ein Privileg. Ein Chef kann wütend werden, ein Sklave nicht. Auch Frauen wurde lange das Recht zur Wut abgesprochen, soll eine Frau doch eine friedensstiftende und hütende Funktion zu erfüllen.

Selbst Führungskräfte gelten als schwach, wenn sie keinen konstruktiven Dialog mit ihren Mitarbeitern führen können. Mit dem Achtsamkeits-Trend gewinnt zudem die "gewaltfreie Kommunikation" an Popularität, die die Gefühle aller Beteiligten als legitim anerkennt, um Konflikte konstruktiv zu lösen. Natürlich werden wir Menschen trotz aller guten Vibes, die uns in den letzten Jahren beschallen, manchmal richtig wütend. Aber ist es wirklich schlimm?

Warum werden wir wütend?

Nach Paul Ekman, den viele zunächst mit der sehenswerten Serie "Lie to me" in Verbindung bringen, zählt die Wut zu den sieben Basisemotionen der Menschen. Wut kann gefährlich sein – wer wütend wird, wird selbstgerecht und schaltet sein Mitgefühl für andere aus, schreibt die Münchner Paartherapeutin Ulrike Fuchs. Genau darin liege aber auch der Sinn der Wut. Dahinter steckt meist ein nicht ausreichend erfülltes Bedürfnis.

Die Wut ist ein gutes Warnsignal und damit höchst wichtig. Dabei ist das Gefühl an sich weder gut noch schlecht. Es nur allzu nachvollziehbar, dass wir wütend werden, wenn der Vermieter monatelang nichts gegen den Schimmel in unserer Wohnung unternimmt, die Chefin uns zu Unrecht vor versammelter Mannschaft niedermacht oder der Kollege unsere Ideen stiehlt. Wut bei offensichtlicher Ungerechtigkeit ist ein Zeichen dafür, dass alles prima funktioniert und wir gute Menschen sind.

Schwieriger zu verstehen ist latente Wut. Oft machen uns gerade die nicht-offensichtlichen, passiv-aggressiven Verhaltensweisen unserer Mitmenschen zornig, wie vergiftete Komplimente oder "nett gemeinte" Ratschläge. Oder der Berg an Aufgaben, die der Chef uns mit einem Lächeln am Freitag Nachmittag aufträgt. Da Aggression sich oft hinter netten Floskeln versteckt, ist es manchmal gar nicht so einfach zu erkennen, warum genau uns etwas wütend macht. Meist speist sich Wut aus einer Grenzüberschreitung – echter oder gefühlter.

Und zum Beispiel mürrisch und still den Aufgabenberg übers Wochenende abarbeiten, statt zu sagen: Ich gehe das gerne an – ab Montag.

Wut ist gut – aber was mache ich damit?

Mann kriegt eine Faust ins Gesicht

Mit der Tür knallen, Schimpftiraden vom Stapel lassen oder sein Gegenüber bewusst verletzen sind keine sonderlich erwachsenen Verhaltensweisen. „Wir können Wut aber auch gesund äußern, indem wir unser Bedürfnis ansprechen“, schreibt Fuchs.

Oft liegt hier der Knackpunkt: Was uns wütend macht, stellt uns vor die Wahl. Entweder wir markieren unsere Grenzen laut und deutlich und machen uns damit womöglich unbeliebt – oder wir lassen andere fröhlich hindurch spazieren. Letzteres ist oft leichter, als sich verletzlich zu zeigen und um mehr Empathie zu bitten. Oder eben den Teller an die Wand zu knallen. Doch so, schreibt Ulrike Fuchs, stehen wir nicht in einem gesunden Miteinander mit unseren Mitmenschen, sondern wenden uns von ihnen ab. Beides ist kein ehrlicher, konstruktiver Umgang, was wir schnell an dem schlechten Gefühl erkennen, das sich danach in uns breitmacht.

Was wir auf keinen Fall tun sollten, ist: unsere Wut unterdrücken. Lächeln und nicken, wenn wir uns eigentlich schwarz ärgern ist Untreue sich selbst gegenüber. Nett zu sein ist ein menschliches Bedürfnis. Wir werden gesellschaftlich darauf getrimmt, bloß nicht zu viele Ansprüche zu haben und nicht zu aggressiv aufzutreten. Doch wer Wut zulässt, muss nicht gleich laut werden. Ein ehrliches „Ich bin gerade wütend“ gegenüber sich selbst ist der erste Schritt zu einem gesunden Selbstverständnis. Danach kann Reflexion folgen.

Das Gefühl der Wut ist gesund. Die Handlung, die wiederum aus der Wut entsteht, kann sehr verletzend sein.

Ulrike Fuchs, Paartherapeutin aus München

  • Wer oder was macht mich wütend?
  • Ist diese Person wirklich verantwortlich oder bin ich eigentlich wütend auf etwas ganz anderes?
  • Vielleicht richtet sich meine Wut eigentlich gegen mich selbst, weil ich mir bestimmte Dinge nicht erlaube oder nicht auf meine Bedürfnisse höre?
  • Vielleicht steckt hinter meiner Wut eigentlich die Angst, etwas oder jemanden zu verlieren oder nicht genug anerkannt zu werden?

All diese Fragen helfen, den eigenen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen und bestimmte Trigger zu identifizieren. Vielleicht ist die Zeit reif für ein ehrliches Gespräch mit dem Chef, der Freundin, den Eltern. Oder eben sich selbst.

Checkliste: Guter Umgang mit Wut

  • Es ist ein Klischee, und doch hilft es: Erstmal tief durchatmen. Und bei Bedarf Rückzug antreten, bevor die Fetzen fliegen.

  • Nachdem Sie sich etwas beruhigt haben, fragen Sie sich: Was unterstelle ich meinem Gegenüber? Bin ich absolut sicher, dass er oder sie mich verletzen wollte?

  • Sich wüste Beschimpfungen von der Seele zu schreiben ist meist besser, als sie direkt an den Adressaten zu richten. Briefe helfen klären.

  • Was uns wütend macht, hat oft nichts mit den Intentionen anderer zu tun. Wenn uns unschuldige Bemerkungen zur Weißglut bringen, steckt vermutlich mehr dahinter.

  • Wut aussprechen, ohne sich zu streiten geht mit gewaltfreier Kommunikation: keine Vorwürfe machen, sondern seine Gefühle ansprechen und zu erklären.

  • Wenn die Wut berechtigt ist, muss sie irgendwohin: Unternehmen Sie etwas. Schreiben Sie einen Post über den Vermieter, schleifen Sie Ihren Partner zur Therapie, sprechen Sie die Aufgabenverteilung im Job an – bestimmt, aber fair.

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