Magersucht-Therapie: Wie wird Anorexia nervosa behandelt?

Magersucht ist eine ernste Erkrankung, aber sie lässt sich behandeln. Erfahre hier, welche Therapiemöglichkeiten es gibt und was du über den Ablauf und die Chancen einer erfolgreichen Behandlung wissen solltest.

Wie gefährlich sind Magersucht und Unterernährung?

Eine Langzeitstudie der Universität Heidelberg zeigt, wie ernst die Erkrankung Magersucht sein kann: Nur knapp die Hälfte der untersuchten Patientinnen und Patienten wurde nach etwa 21 Jahren wieder komplett gesund. Knapp 16 Prozent sind an den Folgen der Erkrankung gestorben.

Was die Studie außerdem deutlich macht: Je länger die Betroffenen schon erkrankt waren, bevor die Behandlung stattfand, desto höher war das Risiko, dass sie nicht wieder gesund wurden. Deshalb ist eine frühzeitige Therapie der Magersucht extrem wichtig.

Welche Ziele hat die Magersucht-Therapie?

Die Behandlung von Anorexia nervosa verfolgt mehrere Ziele gleichzeitig:

  • Normalgewicht erreichen: Unterernährung beeinträchtigt Körper und Geist. Daher ist ein gesundes Körpergewicht die Grundlage für alle weiteren Schritte der Behandlung.
  • Normalisierung des Essverhaltens: Betroffene lernen schrittweise, einen gesunden Umgang mit Essen zu entwickeln. Erfahre mehr über gesunde Ernährung.
  • Behandlung der psychischen Ursachen: Therapie hilft dabei, schwierige Gedankenmuster, Ängste und das verzerrte Körperbild zu bearbeiten.
  • Stabilisierung im Alltag: Das langfristige Ziel ist ein nachhaltiges, gesundes Leben, nicht nur kurzfristige Gewichtszunahme.
Eine Studentin mit Brille schaut ängstlich und schockiert.

Ängste überwinden: Strategien für mehr Zuversicht

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Magersucht behandeln: Ambulant oder stationär?

Die Behandlung von Magersucht kann ambulant, teilstationär oder stationär stattfinden. Stationäre Aufenthalte können von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten dauern. Welche Form die richtige ist, hängt von mehreren Faktoren ab: 

  • BMI und körperlicher Zustand: Bei starkem Untergewicht oder lebensbedrohlichen Komplikationen ist ein stationärer Aufenthalt oft notwendig.
  • Begleiterkrankungen: Wenn zusätzlich psychische oder körperliche Erkrankungen dazukommen, ist eine intensivere, stationäre Betreuung oft sinnvoll. Erfahre mehr über mentale Gesundheit.
  • Verlauf der ambulanten Behandlung: Wenn die ambulante Therapie nicht ausreicht, kann ein teilstationäres oder stationäres Programm der nächste Schritt sein.

Welche Therapieformen gibt es bei Magersucht?

Bei der Behandlung von Magersucht werden immer verschiedene Maßnahmen miteinander kombiniert. Welche Methoden dabei in welcher Form zum Einsatz kommen werden, von der individuellen Situation der Betroffenen ab.

Psychotherapie

Psychotherapie ist ein zentraler Baustein der Magersucht-Behandlung. Eine im Juni 2023 in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlichte Studie zeigt: Besonders bewährt hat sich die kognitive Verhaltenstherapie.

Die Behandlung durch eine Therapeutin oder einen Therapeuten hilft dabei, problematische Gedankenmuster rund um Essen, Gewicht und Körperbild zu erkennen und Schritt für Schritt zu verändern. Je nach Schweregrad umfasst die Behandlung etwa 20 Sitzungen (bei weniger starkem Untergewicht) oder bis zu 40 Sitzungen (bei deutlichem Untergewicht).

Wie läuft die Behandlung ab?

Die kognitive Verhaltenstherapie besteht in der Regel aus vier Phasen:

  • Phase 1: Zu Beginn geht es darum, Vertrauen aufzubauen, die Situation gemeinsam zu verstehen und erste Schritte zur Normalisierung des Essverhaltens einzuleiten. Dazu gehören regelmäßige Mahlzeiten, wöchentliches Wiegen und Tagebuch schreiben. In dieser Phase finden die Therapiesitzungen oft zweimal pro Woche statt.
  • Phase 2: Eine kurze Zwischenbilanz wird gezogen: Was hat sich verändert? Was braucht es noch?
  • Phase 3: Jetzt werden die Kerninhalte bearbeitet: das verzerrte Körperbild, starre Regeln rund ums Essen, Schwierigkeiten beim Umgang mit Emotionen. Schritt für Schritt werden problematische Gedankenmuster verändert.
  • Phase 4: Am Ende geht es darum, Rückfälle zu vermeiden. Betroffene lernen, Risikosituationen zu erkennen und mit einem konkreten Plan vorbereitet in den Alltag zu gehen.

Ernährungsberatung und ärztliche Begleitung

Parallel zur Psychotherapie brauchen Betroffene ärztliche Begleitung und Unterstützung bei der Ernährung. Ärztinnen und Ärzte überwachen den körperlichen Zustand genau, denn Magersucht schadet dem Körper massiv: Unterernährung beeinträchtigt Organe, Knochendichte, Herzrhythmus und sogar die Gehirnfunktion. Gleichzeitig helfen Ernährungsberaterinnen und -berater dabei, dass die Betroffenen ihre Mahlzeiten wieder als normal und sicher erleben können.

Wie läuft die Behandlung ab?

Die Ernährungsberatung und ärztliche Begleitung laufen in der Regel Hand in Hand:

  • Ärztliche Überwachung: Zu Beginn werden wichtige Laborwerte gemessen, darunter Elektrolyte wie Kalium, Magnesium und Phosphat sowie Blutzucker und Herzrhythmus (EKG). Diese Werte werden regelmäßig kontrolliert.
  • Ernährungsplan: Gemeinsam mit einer Ernährungsberaterin oder einem Ernährungsberater wird ein individueller Ernährungsplan erstellt. Die Kalorienzufuhr wird schrittweise gesteigert. Das geschieht langsam und kontrolliert, um den Körper nicht zu überfordern.
  • Mahlzeitenbegleitung: Betroffene lernen, Mahlzeiten wieder als normal und sicher zu erleben. Das klingt einfach, ist aber für viele ein großer Schritt.
  • Wöchentliches Wiegen: Der Gewichtsverlauf wird regelmäßig dokumentiert. Ziel ist eine stabile, nachhaltige Gewichtszunahme, keine schnellen Sprünge.

Familienbasierte Therapie (FBT)

Die familienbasierte Therapie – kurz FBT, aus dem Englischen „Family Based Treatment" – ist ein weiterer Ansatz zur Behandlung von Magersucht. Nach Einschätzung des Elternnetzwerks Magersucht und nach Daten einer im Juni 2023 in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlichten Studie gilt die familienbasierte Therapie insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Magersucht als vielversprechender Behandlungsansatz. Die Behandlung umfasst in der Regel etwa 20 Sitzungen über ein Jahr, mit einer ausgebildeten Fachperson.

Wie läuft die Behandlung ab?

Die FBT-Sitzungen sollten wenn möglich vor Ort wahrgenommen werden, aber auch per Videokonferenz ist die Teilnahme oft möglich. Ein zentrales Element jeder Sitzung ist die sogenannte Familien-Mahlzeit: Sie gibt dem Therapeuten oder der Therapeutin die Möglichkeit, das Verhalten der Familienmitglieder beim Essen zu beobachten und die Eltern direkt zu coachen.

Die Behandlung besteht aus drei Phasen:

  • Phase 1 – Gewichtswiederherstellung (Refeeding): Die Eltern übernehmen vorübergehend die vollständige Kontrolle über das Essen ihres Kindes. Die Eltern werden dabei aktiv geschult und begleitet.
  • Phase 2 – Rückgabe der Autonomie: Sobald ein gesundes Gewicht erreicht ist und sich die Stimmung in der Familie stabilisiert hat, bekommt das Kind seine Selbstständigkeit beim Essen schrittweise zurück.
  • Phase 3 – Psychische Stabilisierung: Erst jetzt werden tiefergehende psychische Themen bearbeitet, sofern sie noch bestehen. Bei vielen Betroffenen verschwinden die psychischen Begleitsymptome bereits, wenn sie wieder Normalgewicht erreicht haben.
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Magersucht: Du brauchst Hilfe?

Wenn du gerade in einer Krise steckst oder merkst, dass du alleine nicht weiterkommst, warte nicht. Es gibt Menschen, die für dich da sind.

  • Vertraute Personen: Sprich mit jemandem, dem du vertraust: einer Freundin oder einem Freund, einem Elternteil, mit Geschwistern oder einer anderen Person in deinem Umfeld.
  • Hausarzt: Auch ein Gespräch mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt kann der erste Schritt sein.
  • Telefonseelsorge: Dieses Angebot der evangelischen und Katholischen Kirchen ist kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder der Telefonnummer 0800 111 0 222.
  • Beratungstelefon des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zu Essstörungen: Erreichbar unter der Telefonnummer 0221 892031.
  • Notaufnahme: Wenn du körperliche Symptome hast, zum Beispiel Kreislaufprobleme, starke Schwäche oder Ohnmacht, lasse dich sofort in die nächste Notaufnahme bringen oder ruf den Notruf unter der Telefonnummer 112.

Fazit: Bei Magersucht gilt – je früher die Therapie beginnt, desto besser die Heilungschancen

Magersucht ist eine ernste Erkrankung, aber sie ist behandelbar. Die Kombination aus Psychotherapie, Ernährungsberatung und ärztlicher Begleitung sind die Grundlage der Therapie. Besonders für junge Menschen zeigt die familienbasierte Therapie sehr gute Ergebnisse. Je früher die Krankheit erkannt wird und die Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen.

Häufige Fragen zur Magersucht-Therapie

Kann Magersucht vollständig geheilt werden?

Eine vollständige Genesung ist möglich. Der Weg dorthin ist jedoch oft lang und nicht für alle Menschen gleich. Der Körper kann sich häufig vollständig erholen, psychisch bleibt die Erkrankung jedoch oft in abgeschwächter Form spürbar. Die Gedanken rund ums Essen oder den eigenen Körper verschwinden in der Regel nicht komplett. Der entscheidende Unterschied: Nach einer erfolgreichen Therapie haben Betroffene gelernt, mit diesen Gedanken umzugehen, sie kontrollieren ihr Leben nicht mehr.

Wie lange dauert die Behandlung von Magersucht?

Die Behandlungsdauer hängt davon ab, wie schwer die Betroffenen erkrankt sind, wann die Behandlung begonnen hat und wie gut sie voranschreitet. Wichtig ist: Die Therapie endet nicht einfach, wenn das Normalgewicht erreicht ist. Der psychische Teil der Behandlung braucht oft mehr Zeit. Viele Betroffene nehmen deswegen auch nach der akuten Behandlung weiter therapeutische Unterstützung in Anspruch, etwa im Rahmen von Nachsorgegesprächen oder Selbsthilfegruppen.

Was kann ich als Elternteil tun, wenn mein Kind an Magersucht leidet?

Hol dir so schnell wie möglich professionelle Hilfe, beim Kinderarzt oder der Kinderärztin, einer Fachklinik oder einer spezialisierten Beratungsstelle. Wichtig: Du bist nicht schuld. Magersucht entsteht nicht automatisch durch schlechte Erziehung oder familiäre Probleme. Eltern sind sehr wichtig für den Genesungsprozess. Die familienbasierte Therapie (FBT) setzt genau darauf.

Eine junge Frau mit Magersucht sitzt auf einem Bett, mit dem Rücken zur Kamera.

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