Ursachen von Magersucht: Wie entsteht Anorexia nervosa?
Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Menschen magersüchig werden. Welche biologischen, psychischen und gesellschaftlichen Faktoren zur Erkrankung beitragen, erfährst du hier.
Inhaltsverzeichnis
- Definition: Was ist Magersucht?
- Woran erkennst du Magersucht?
- Magersucht: Symptome und Merkmale
- Was tun, wenn du dir Sorgen machst?
- Ursachen: Wie entsteht Magersucht?
- Fazit: Magersucht ist eine ernste Erkrankung, die viele Ursachen hat
- Häufige Fragen zu Magersucht-Ursachen
Vielleicht fragst du dich aus persönlichen Gründen gerade, warum ein Mensch immer weniger isst, warum das Thema Gewicht so viel Raum einnimmt oder warum Mahlzeiten zur Qual werden? Magersucht ist keine Frage der Disziplin und keine bewusste Entscheidung. Sie entsteht oft schleichend, aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Je besser sie verstanden werden, desto eher können Betroffene und ihr Umfeld handeln.
Definition: Was ist Magersucht?
Magersucht, medizinisch Anorexia nervosa genannt, ist eine ernsthafte psychische Erkrankung. Die Essstörung beeinflusst das Verhältnis zum eigenen Körper, zum Selbstbild und zum Essen tiefgreifend.
Betroffene nehmen ihren Körper verzerrt wahr: Auch wenn sie sehr dünn sind, fühlen sie sich zu dick. Deswegen verbieten sie sich das Essen und hungern immer weiter. Häufig werden die Betroffenen stark untergewichtig, was dann auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigt.
Daten von Statista zeigen: Magersucht betrifft hauptsächlich junge Frauen, aber auch Jungen und Männer erkranken daran. Die meisten Betroffenen sind zwischen 13 und 19 Jahre alt.
Woran erkennst du Magersucht?
Magersucht zeigt sich nicht immer sofort. Häufig versuchen Menschen ihre Krankheit zu verbergen. Deshalb ist es umso wichtiger, die Symptome früh zu erkennen. Laut dem MSD Manual lassen sich diese in drei Bereiche unterteilen:
- körperliche Symptome,
- psychische Symptome und
- Verhaltensauffälligkeiten.
Je eher Warnsignale erkannt werden, desto früher kann die Behandlung beginnen. Das verbessert die Chancen für eine Genesung deutlich.
Wenn du mehr über die Behandlung von Magersucht erfahren möchtest, findest du alle Informationen in unserem Ratgeber zur Magersucht-Therapie.
Magersucht: Symptome und Merkmale
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Körperliche Symptome
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- Deutliches Untergewicht: Betroffene haben einen sehr niedrigen Body-Mass-Index (BMI). Bei Erwachsenen gilt ein Wert unter 17,5 als Warnzeichen.
- Niedrige Herzfrequenz und niedriger Blutdruck: Durch die Unterernährung verlangsamt sich der Herzschlag. Das kann zu Schwindel, Ohnmacht und im schlimmsten Fall zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen.
- Niedrige Körpertemperatur und starkes Kälteempfinden: Der Körper hat kaum noch Fettreserven, um Wärme zu speichern. Betroffene frieren deshalb oft, auch bei milden Temperaturen.
- Lanugo – feiner Flaum auf der Haut: Bei starkem Gewichtsverlust kann sich ein feiner, weicher Haarflaum auf Rücken und Armen bilden. Der Körper versucht damit, Wärme zu erzeugen.
- Muskelschwund: Weil der Körper keine ausreichende Energie aus der Nahrung bekommt, baut er Muskelmasse ab, auch am Herzen. Erfahre mehr über Muskelaufbau für Frauen.
- Nährstoffmangel: Der Körper wird nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Besonders die Kalium- und Natriumwerte im Blut sind betroffen.
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Psychische Symptome
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- Verzerrtes Körperbild: Betroffene nehmen ihren Körper verzerrt wahr. Sie fühlen sich dick, obwohl sie stark untergewichtig sind.
- Intensive Angst vor Gewichtszunahme: Die Angst zuzunehmen, ist nicht einfach nur eine Sorge, sie ist überwältigend und bestimmt das Denken und Handeln.
- Gedanken drehen sich ständig um Essen: Obwohl Betroffene kaum essen, denken sie fast ununterbrochen an Nahrung, Kalorien und Nährwerte.
- Depressionen und Angststörungen: Psychische Begleiterkrankungen sind häufig. Depressionen treten bei einem Großteil der Betroffenen auf. Erfahre, was du bei Depressionen tun kannst.
- Verleugnung der Erkrankung: Viele Betroffene erkennen nicht, wie ernst ihre Situation ist, oder sie verleugnen sie aktiv. Das macht es schwer, frühzeitig Hilfe zu suchen.
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Verhaltensauffälligkeiten
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- Mahlzeiten auslassen oder Essen verstecken: Betroffene überspringen Mahlzeiten, horten Essen oder werfen es weg, ohne es zu essen.
- Obsessives Kalorienzählen: Jede Mahlzeit wird genau berechnet. Oft werden bestimmte Lebensmittelgruppen vollständig gemieden.
- Exzessiver Sport: Viele Betroffene treiben übermäßig Sport, um ihr Gewicht zu kontrollieren, auch dann, wenn der Körper bereits erschöpft ist.
- Weite Kleidung tragen: Um den Gewichtsverlust zu verbergen, tragen viele Betroffene bewusst weite oder mehrschichtige Kleidung.
- Häufiges Wiegen: Manche Betroffene wiegen sich mehrmals täglich. Jede Gewichtsschwankung kann starke emotionale Reaktionen auslösen.
- Kochen für andere, ohne selbst zu essen: Ein häufiges Muster: Betroffene bereiten aufwendige Mahlzeiten für andere zu, essen aber selbst nicht.
Magersucht: Was tun, wenn du dir Sorgen machst?
Wenn du dir Sorgen um dich selbst oder um jemanden in deinem Umfeld machst, ist der erste Schritt, das Thema anzusprechen. Das ist oft schwer, aber wichtig. Wenn du Hilfe suchst oder jemanden unterstützen möchtest:
- Vertraute Personen: Sprich mit jemandem, dem du vertraust, einer Freundin, einem Freund, einem Elternteil oder einer anderen Vertrauensperson.
- Hausarztpraxis: Ein Gespräch in deiner Hausarztpraxis kann ein erster Schritt sein. Vor einem Arztbesuch brauchst du keine Angst zu haben.
- Telefonseelsorge: Ist ein kostenloses Angebot der katholischen und evangelischen Kirchen. Sie ist anonym und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar.
- Beratungstelefon des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zu Essstörungen: Beratung bekommst du dort unter 0221 892031.
- Notaufnahme: Bei körperlichen Symptomen wie starken Kreislaufproblemen, Schwäche oder Ohnmacht rufe bitte die 112 an oder lasse dich in die nächste Notaufnahme fahren.
Ursachen: Wie entsteht Magersucht?
Magersucht hat keine einzelne Ursache. Die Erkrankung entsteht aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren, die zusammenwirken.
Fachleute sprechen dabei von einem sogenannten biopsychosozialen Modell: Kein Faktor allein macht krank, sondern eine bestimmte Kombination aus Veranlagung, inneren Belastungen und äußeren Einflüssen kann zu Magersucht führen.
Psychische Ursachen
Psychische Faktoren gehören zu den am häufigsten beobachteten Ursachen bei Magersucht. Dazu gehören:
- Geringes Selbstwertgefühl: Viele Betroffene haben das Gefühl, nicht gut genug oder nichts wert zu sein. Sich beim Essen im Griff zu haben gibt ihnen dagegen ein Erfolgsgefühl. Ganz nach dem Motto „Wenigstens darin bin ich gut“.
- Perfektionismus: Ein hoher Anspruch an sich selbst, verbunden mit der Angst zu versagen, ist ein häufiges Merkmal bei Menschen mit Anorexia nervosa.
- Kontrollbedürfnis: Das Hungern kann sich anfühlen wie das Einzige, das man wirklich kontrollieren kann, besonders in Phasen, in denen sich andere Lebensbereiche chaotisch oder belastend anfühlen.
- Emotionale Überlastung: Schwierige Erlebnisse wie Verlust, Trennungen oder Traumata können als Auslöser wirken. Essen, oder Nicht-Essen, wird dann zur Bewältigungsstrategie.
- Körperbild und Identität: Gerade bei jungen Erwachsenen ist die eigene Identität noch im Aufbau. Das Körperbild ist eng mit dem Selbstwert verknüpft. Eine verzerrte Selbstwahrnehmung kann dabei zu einem zentralen Symptom werden.
Gesellschaftliche Einflüsse
Gesellschaftliche Faktoren allein machen nicht krank, aber sie können dazu beitragen. Insbesondere bei Menschen, die bereits eine Veranlagung oder psychische Belastungen mitbringen, kann das der Fall sein.
- Schönheitsideale und Schlankheitsdruck: Körperideale, besonders in sozialen Medien, können die eigene Wahrnehmung beeinflussen. Sie zeigen ein verzerrtes Bild davon, wie ein Körper aussehen sollte. Studien, zum Beispiel aus dem Handbuch Essstörung und Adipositas, zeigen: Jugendliche, die sich auf sozialen Plattformen häufig mit scheinbar perfekten Körpern vergleichen, haben ein erhöhtes Risiko für Körperunzufriedenheit und ein gestörtes Essverhalten.
- Diätkultur: Die Normalisierung von Diäten und Kalorienzählen kann, besonders bei Menschen mit anderen Risikofaktoren, den Einstieg in ein krankhaftes Essverhalten begünstigen. Was als „gesunde Ernährung" beginnt, kann sich schleichend zu einer Essstörung entwickeln.
- Leistungs- und Anpassungsdruck: Hohe Erwartungen in Schule, Sport oder Familie können das Gefühl verstärken, nie genug zu sein. Der Körper wird dann zur einzigen kontrollierbaren Größe.
- Soziale Vergleiche: Ob in der Freundesgruppe, in der Schule oder online: Ständige Vergleiche mit anderen können das Selbstbild nachhaltig beschädigen, wenn das Umfeld Aussehen und Gewicht stark bewertet.
Biologische und genetische Ursachen
Neuere Forschungsergebnisse zeigen: Biologische und genetische Faktoren spielen bei der Entstehung von Magersucht eine größere Rolle, als lange angenommen wurde. Zwei Bereiche sind dabei besonders relevant: hormonelle Veränderungen und genetische Veranlagung.
Hormonelle Faktoren
Eine Studie im Fachjournal Nutrients zeigt: Hormonelle Veränderungen können das Risiko für eine Essstörung erhöhen. Besonders die Pubertät ist eine wichtige Phase. Der Körper verändert sich schnell, der Hormonhaushalt gerät in Bewegung und das Risiko für eine Essstörung steigt. Auch andere Lebensphasen mit starken hormonellen Umbrüchen, wie eine Schwangerschaft oder die Menopause, können risikobehaftet sein.
Genetische Faktoren
Es ist bereits bekannt, dass Magersucht in Familien häufiger auftritt und eine starke erbliche Komponente hat. Aktuell ist die Studienlage dazu aber gering. Forscherinnen und Forscher des Broad Institute in den USA führen deshalb aktuell eine der größten Genetikstudien zu Essstörungen weltweit durch. Ziel ist es, die DNA von bis zu 20.000 Menschen zu analysieren, um die biologischen Grundlagen besser zu verstehen und neue Behandlungsansätze zu entwickeln.
Fazit: Magersucht ist eine ernste Erkrankung, die viele Ursachen hat
Die Ursachen für Magersucht sind komplex. Die Erkrankung entsteht aus einem Zusammenspiel aus genetischen, psychischen und gesellschaftlichen Faktoren. Weder Betroffene noch Angehörige sind dafür verantwortlich. Je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser stehen die Chancen auf Genesung.
Häufige Fragen zu den Magersucht-Ursachen
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Können soziale Medien Magersucht auslösen?
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Soziale Medien allein lösen keine Magersucht aus. Aber sie können bei gefährdeten jungen Menschen das Risiko erhöhen: Idealisierte Körperbilder, ständige Vergleiche und Algorithmen, die Inhalte zu Diäten und dünnen Körpern verstärken, können das Körperbild negativ beeinflussen.
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Was unterscheidet Magersucht von einer strengen Diät?
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Eine Diät ist zeitlich begrenzt und verfolgt meist ein konkretes Ziel. Magersucht hingegen ist eine psychische Erkrankung, bei der das Essverhalten durch ein verzerrtes Körperbild angetrieben wird. Der entscheidende Unterschied: Bei einer Essstörung übernimmt die Erkrankung die Kontrolle, nicht umgekehrt. Wenn das Essverhalten das tägliche Leben dominiert, soziale Situationen bestimmt und der Körper darunter leidet, ist professionelle Hilfe wichtig.
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Ist Magersucht eine Frage des Willens?
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Nein. Magersucht ist eine psychische Erkrankung mit biologischen, psychischen und sozialen Ursachen. Betroffene essen nicht wenig, weil sie es wollen, sondern weil die Erkrankung sie dazu zwingt. Dieser Unterschied ist wichtig: Er macht deutlich, dass Magersucht keine Frage von Disziplin oder Charakter ist.
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Ab welchem BMI hat man Magersucht?
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Bei Erwachsenen gilt ein BMI unter 17,5 als Hinweis auf Magersucht. Der BMI allein reicht aber für eine Diagnose nicht aus. Bei Kindern und Jugendlichen gibt es keinen festen Wert. Hier wird das Gewicht alters- und geschlechtsspezifisch anhand von Wachstumskurven beurteilt. Wichtig: Wenn du unsicher bist, sprich am besten mit einer Ärztin oder einem Arzt.